(Mein) Leben als HSP (hochsensible Person)

Vor einiger Zeit kam mir die Idee, ein Zine über Hochsensibilität zusammenzustellen. (Wer mitmachen möchte, kann mich gerne kontaktieren!) Dazu habe ich spontan aufgeschrieben, was Hochsensibilität derzeit oder bisher für mein Leben bedeutet. Zur besseren Zugänglichkeit folgen diese Gedanken hier als abgetippter Text, anstatt die Notizen später evtl in Zineform als Bild hochzuladen. Alles Wissen über HSP hat mir bisher sehr geholfen, deshalb möchte ich es hier teilen und hoffe, dass es auch anderen hilft, sich selbst besser zu verstehen und mit ihrer Umwelt umzugehen!

Die folgenden Beschreibungen sind subjektiv meine Erlebnisse und / oder Kenntnisse über HSP und können genauso auf Nicht-HSP zutreffen oder von den Erfahrungen anderer HSP abweichen. Mein Selbstverständnis als HSP und die Infos unten sind durch Gespräche mit Beratungspersonen und anderen HSP zusammengekommen, sowie durch die Lektüre von Büchern, Texten und anderen Blogs und Videos von anderen HSP. Genauere Quellenangaben folgen evtl. noch. Leider ist die Anzahl der vorhandenen Bücher und Texte meines Wissens überschaubar, aber einige sind sehr gut. Irrtümer und Korrekturen sind vorbehalten!

HSP & HOCHBEGABUNG

Hochsensibilität geht oft mit Hochbegabung einher. Das muss nicht am IQ messbar sein. Es kann auch eine emotionale oder kreative Hochbegabung (überdurchschnittliche Begabung) sein. Viele HSP brauchen daher einen hohen Grad an Stimulation, um zufrieden zu sein: Input, Austausch und Herausforderungen, die auf unterschiedliche Arten angegangen werden.

HS & SYNÄSTHESIE

Manche HSP haben synästhetische Erfahrungen, bei denen einige Sinneseindrücke z.B. auch farblich, als Klang oder als Schmerz, Wärme etc. wahrgenommen werden. Ich nehme manchmal optisch Verbindungen zwischen Menschen wahr.

Typisch für HSP ist auch die Empfindlichkeit für die Gefühle von anderen. Von einer traurigen Person fühlt man sich dann mitbetroffen und niedergeschlagen, selbst wenn sie nur in der Nähe ist und man sie nicht kennt. Das kann ganz schön erschöpfend sein, vor allem an Orten mit vielen Menschen: auf einer Party, in der Bahn… und überall, wo sich Menschen untereinander kennen und es viele unausgesprochene Emotionen gibt.

MEDITATION

An vollen, lauten Orten, wenn es zu viel wird – z.B in der U-Bahn – kann mir eine Besinnung auf den eigenen Atem helfen. Auch, wenn mir in meinem Kopf alles zu viel wird. So meditiere ich:

  • Gedanken vorbeiziehen lassen
  • Den Atem an der Nasenspitze kühl vorbeiziehen fühlen und ihn bis in den Bauch nachverfolgen
  • Langsam nacheinander die Körperstellen spüren, die den Sitz oder den Boden, oder ein anderes Körperteil berühren
  • In den Teil des Körpers atmen, der schmerzt oder drückt, und versuchen, dort zu entspannen
  • In der Zeit, die das braucht, geht es mir meist schon besser und ich konnte mich aus der stressenden Situation entfernen.

DROGEN

Auf Partys hilft es, mich nicht zu betrinken, weil Alkohol die extremen Empfindungen noch verstärken kann. Außerdem hilft es, sich bewusst zu machen, dass man auch einfach nach Hause gehen kann, wenn es zu viel wird oder die Party so schlecht ist, dass man das Gefühl hat, „das nur mit Alkohol zu ertragen“ (so wurde es zumindest früher in meinem Umfeld ausgedrückt).

Durch die hohe Stimulationsfähigkeit von HSP können auch andere Drogen eine vergleichsweise starke Wirkung zeigen, im Vergleich mit Nicht-HSP. Jede HSP muss, wie jede andere Person, ihren eigenen Umgang damit finden.

RUHE

Eine weitere mögliche Reaktion von HSP, insbesondere, wenn andere panisch oder hektisch werden, ist Ruhe. Insbesondere erlebe ich eine starke körperliche Ruhe und der sonst so aktive Kopf fährt die vielen Gedankengänge zurück. Das heißt nicht unbedingt, dass man das vorhandene Problem lösen kann; es ist einfach ein Umgang, um mit der Situation fertig zu werden. Klar kann das trotzdem ein Vorteil sein, da man so (ausnahmsweise) einen kühlen Kopf bewahrt.

GESELLSCHAFT

Ich liebe es, in Gesellschaft von Menschen und Tieren zu sein, die ich mag. Aber schneller als bei nicht-HSP und Extrovertierten brauche ich Erholungspausen (insbesondere von den Menschen). Ein ganzer Tag unterwegs mit anderen, und dann vielleicht noch gemeinsam Essen gehen, ist einfach viel zu viel. Verwirrend, wenn die anderen das überhaupt nicht so erleben! Aber wenn ich nicht auf mich höre, fange ich an, unter der Gesellschaft / Situation stark zu leiden. Sich selbst zu verstehen, ist deshalb Gold wert! <3

EINSAMKEIT

Im Unterschied zu Leuten, die gerne bzw. am liebsten alleine sind, kann es dann allerdings schwierig werden, sich mit anderen zu koordinieren. Hier ist FOMO (Fear of Missing Out) ein wichtiges Schlagwort! Die anderen machen Party, man wäre gerne mit ihnen zusammen, aber weiß, dass man das Gedränge / die vielen Eindrücke / das viele Herumlaufen gerade nicht aushalten würde. Man wird auch seltener gefragt, wenn man oft absagt. Und man hat das Gefühl, dass das eigene So_Sein der Gemeinschaft/ Gemeinsamkeit im Wege steht. Und zieht sich dann vielleicht selbst stärker zurück.

UMGANG MIT GEFÜHLEN

Für jemanden, der ständig eine überdurchschnittliche Menge an Eindrücken und Empfindungen verarbeitet, können auch die eigenen Gefühle stark überfordernd wirken. Hier hilft mir manchmal das Selbst-Verstehen als HSP: Wiedererkennen von Gefühlen, die z.B. durch Überforderung ausgelöst wurden. Oft hilft es, wenn ich es schaffe, die Komplexität der Gefühle erst einmal beiseite zu legen und auf meine Grundbedürfnisse zu achten:

  • Essen
  • Trinken
  • Schlaf
  • Gesellschaft/ Trost/ (tief) Atmen

Danach geht z.B. auch (besser): Traurigkeit zulassen, weinen, mich um mich kümmern oder trösten lassen, ablenken oder darüber reden.

 

Anmerkung bezüglich der Kommentar-Moderation: Willkommen sind wie immer Beiträge, die beispielsweise von eigenen ähnlichen oder abweichenden Erfahrungen erzählen. Achtet dabei bitte auf Folgendes: Dass „alle“ oder „auch andere“ (zum Beispiel Introvertierte im Allgemeinen und Nicht-HSP) all das oder „viel schlimmeres“ erleben, ändert nichts an der gelebten Realität von HSP. Alle Menschen sind die Expert_innen ihres eigenen (Er-)Lebens. Tipps für weitere Ressourcen oder Links zu eigenen Blogs / Projekten, die zum Thema passen, sind gern gesehen!

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6 Gedanken zu “(Mein) Leben als HSP (hochsensible Person)

  1. Danke für den tollen Artikel :) Ich mag nur ergänzen, dass HSP und extrovertiert sein sich nicht ausschließt, genauso wenig HSP und ambivert sein. Es wird jeweils unterschiedklich erlebt und ist konfrontiert mit verschiedenen Problemen. Das Ambivertsein bei mir z.B. macht das ich den Effekt tändig habe den du bei Drogen & Alkohol so treffend beschreibst.
    Vielleicht wäre die Achse nich HSP oder Extrovertiert sondern eher HSP oder stark abgegrenzt zu anderen? Ist nur ein Denkansatz – bin gespannt auf deine Ideen :)

    Danke für deine tolle schreibarbeit!!!

    1. Lieben Dank für deinen Kommentar, ich freue mich sehr dass dir der Text gefällt! :) Das ist auf jeden Fall ein guter Punkt, ich muss mal darüber nachdenken und komme darauf zurück :)

    2. Soo also danke nochmal für den Hinweis, dass nicht alle HSP introvertiert sind! Ich sehe jetzt auch, an welcher Stelle das im Text falsch herüberkommt! Das Wort ambivert („zwischen“ introvertiert und extrovertiert) kannte ich vorher noch gar nicht, das ist auch gut zu wissen :)
      Ich glaube dass es generell schwer ist, eine Achse daraus zu machen, weil ich HSP nicht als einen Gegensatz zu irgendwas sehe, sondern als eine Verstärkung von Eigenschaften. Also dass alle einen bestimmten Grad an Sensibilität haben und HSP sich dadurch auszeichnen, einen höheren Grad an Sensibilität zu haben als die Mehrheit. Was denks_t_ du_ihr dazu?

  2. So, was du über HSP schreiben würdest hat mich sehr interessiert. Das Thema ist für mich insgesamt sehr spannend. Ich selbst habe ADHS und stelle fest das viele meiner Krankheitssymptome im Prinzip eine Liste von Dingen sind, die man auch für HSP ankreuzen könnte. Meine Vermutung ist, dass da irgendwo ein fließender Übergang zwischen ADHS und HSP ist oder das es vielleicht sogar im selben Spektrum liegt.

    Angefangen bei der speziellen und umfassenden Gefühlswahrnehmung, die sehr viel Raum einnimmt, kann ich auch bei der Beschreibung von der Wahrnehmung in Hinblick auf Partys nur nicken. Für mich waren das immer und bis heute sehr schwierige Veranstaltungen, auf denen ich mich nie wohl gefühlt habe und gerade früher war es schwierig, sich Abgrenzen zu können. „Komm doch mit, ist doch toll.“ oder „du kannst doch jetzt nicht schon gehen.“ waren oft gehörte Sätze.

    Doch ich kann und ich muss sogar – Abgrenzung das A und O. Denn nach etwa einer Stunde sind meine Sinne so überflutet, das mein Gehirn mit einer Migräne auffährt oder mir Speiübel wird. Die Wahrnehmung so viele Individuen und der Fokus auf die Gefühle, der sich nicht abstellen lässt, macht diese Erfahrung zu einer Qual.

    HSP ist noch nicht so lange erforscht, aber ich denke das jeder weitere Blick in diese Richtung sehr sinnvoll sein kann, da es vielleicht auch auskunft über andere Schwierigkeiten gibt.

    Der Leidensdruck wird sehr groß und es gibt gesellschaftliche Hindernisse. Werbung als kleines Beispiel hat den Sinn die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das ist im Alltag für jemanden mit einer intensiven Gefühls und Reizwahrnehmung ein riesiges Problem, da blinkende Lichter, Popups und Co ständig auf einen einhämmern.

    Für mich sind beispielsweise auch fahrten in Zügen und Büssen sehr schwierig, da es dort selten leise ist und ich die Musik aus den Kopfhörern einer Person die einige Reihen hinter mir sitzt oft noch sehr deutlich hören und nicht abschalten kann. Oft versuche ich dann festzustellen, wie andere mit dieser ständigen Reizbelästigung umgehen und stelle fest, das diese Person das gar nicht wahrnehmen und mitbekommen, während ich alles auf einmal/permanent aufnehme.

    Mit einer Gruppe von Menschen konfrontiert zu sein, oder etwa mit einer Unterrichtssituation/Studiensituation ist ebenfalls ein riesiges Problem. Das geht nur solange, wie der Dozent emotional ausgeglichen ist. Aggression, Trauer, jede Art von abweichende Gefühlslage nehme ich sofort wahr und kann meinen Fokus auf nichts anderes mehr richten (und dem Stoff nicht mehr folgen)
    Es war im Nachhinein interessant herauszufinden warum ich manchmal in gewissen Fachgebieten sehr gute Leistungen bringen konnte und dann wiederum plötzlich unglaublich schlecht wahr und es allein daran lag, wie die Lehrkraft emotional aufgetreten ist.

    Die Unterschiede zu HSP liegen bei mir darin, das HSPler meines Erachtens nicht mit konzentrationsschwierigkeiten zu kämpfen haben oder ständigen Gedankensprüngen (es reicht ja auf meinen Text zu schauen) mit denen sich ein Adhsler die ganze Zeit auseinandersetzt.

    Ich wahr vor Jahren in einer Beziehung mit einer HSPlerin: Unsere Gefühlswahrnehmung war dabei sehr, sehr ähnlich und eine Ebene auf der wir uns sehr gut verstanden. Aber es gab auch ganz klare Trennlinien. Ihr viel es sehr viel leichter strukturiert zu arbeiten, sowohl im Kopf als auch im Alltag, während das für mich nahezu unmöglich ist.

    Übrigens Reizwahrnehmung: Die bezieht sich bei mir beispielsweise auch auf jeden haptischen Reiz. Ich habe eine sehr starke körperliche Wahrnehmung (Kitzelreize kann ich absolut nicht unterdrücken) jeder Berührungsreiz ist besonders stark ausgeprägt. Dies haben mir zumindest die mir bekannten Hspler bei sich auch bestätigt.

    Ich vermute das HSPler und Adhsler (bei beiden ist ein recht großer Gerechtigkeitssinn ausgeprägt und die Gefühlswahrnehmung lässt sie oft sensibel erscheinen/obwohl beim ADHS Spektrum auch genau das Gegenteil der Fall sein kann) oft auch ein Leidensdruck dadurch aufkommt, das es den Anschein hat, als wären sie besonders gut für Caretätigkeiten geeignet, weil sie im Umgang mit einzelnen Menschen sehr gut sind.

    Wenn die Betroffenen dann aber in der Caretätigkeit stecken ,führt der Alltag der hauptsächlich aus Zeitmanagement und einem stetigen hereinpreschen der Emotionen der zu Pflegenden besteht ganz schnell zum Burnout, da es keine Rückzugsmöglichkeiten gibt.

    Rückzugsmöglichkeiten sind vermutlich besonders wichtig. Ruheräume sollten allgemein gefördert werden und an allen möglichen Arbeitsplätzen existieren. Das herausnehmen aus einer belastenden Reizsituation ist nicht nur für HSpler oder Adhsler sehr wichtig, sondern ganz generell für fast jeden Menschen.

    P.

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