Nichts für Frauen? Gender und Videospiele (Teil 2)

Hier geht es zu Teil 1

In Teil 2 meines Feedbacks geht es zum Einstieg um einen Videobeitrag von 2013 von einer Independent-Spieleentwicklerin, Ola, die kritisiert, dass bei Feminist Frequency Spiele-Entwickler persönlich als die direkt Verantwortlichen für in Videospielen re_produzierten Sexismus gelten. Der Grund, warum ich mich mit diesem Video beschäftige, ist, dass Ola die Arbeit von Anita Sarkeesian und sie als Person nicht verteufelt oder angreift.

Sie fragt sich statt dessen, warum sie so viel negatives Feedback zum Posten eines der Tropes vs. Women Videos bekam und selbst negativ darauf reagierte, und formuliert eine mögliche Erklärung. Sie ist Teil eines Diskurses, der, wie oben erwähnt, teilweise gewaltvoll geführt wird, und es gibt viele Videos “gegen” Sarkeesian, deren Argumente polemisch vorgetragen werden. Ola greift Sarkeesian aber nicht persönlich an und qualifiziert sich damit als für mich ernstzunehmenden Beitrag.


Hier die Punkte, in denen ich der Entwicklerin folgen kann:

  • Wie in Teil 1 beschrieben, kann es so rüberkommen, als wenn Sarkeesian den Game Developers eine sexistische Intention unterstellt, was aber gar nicht stimmen muss: Sexismus wird oft unbewusst verbreitet.
  • Viele weibliche Spiel-Charaktere sind nicht so gut entwickelt wie männliche Charaktere, weil es sehr wenige weibliche Spiele-Entwicklerinnen gibt. Die Spielhandlungen von Männern sind besser entwickelt. Wenn es mehr Frauen in diesem Gebiet gäbe, würden sie wahrscheinlich ebenfalls Frauen*figuren besser entwickeln als Männer*figuren.
  • Es gehört Talent dazu, gute Figuren jedes Genders zu entwickeln – meistens schreiben Leute über das, was sie kennen. Hauptsache, sie entwickeln glaubhafte Figuren, anstatt unrealistische Figuren einzubringen, “nur” um eine größere Vielfalt abzubilden.
  • Im Indie Development werden diese Klischees aber erfolgreich gemieden. Irgendwie scheinen die größeren Spielefirmen weniger kreative Entwickler_innen anzuziehen.
  • Es kann auch interessanter sein, diverse Arten von Spielen zu entwicklen anstatt “nur” diverse Figuren.
  • In der Indie Game Development Szene hat Ola (nur) gute Erfahrungen gemacht, sowohl im Online Feedback als auch auf Offline Treffen. Es gibt aber sehr wenige Frauen, die zu diesen Treffen kommen.

Die einzig mögliche Erklärung dafür, laut Ola, ist dass Frauen nicht so interessiert an Game Development sind wie Männer, und sie denkt, dass ein biologischer Unterschied der Grund dafür ist:

“Some jobs attract some genders more than others. It’s always been that way. I think it will always be that way to a certain extent.”

(“Einige Jobs ziehen einige Gender mehr an als andere. So ist es immer gewesen. Ich denke, zu einem gewissen Grad wird es immer so sein.”)

Hier möchte ich ansetzen, und zwar mit der Erklärung, dass es nicht schon immer so gewesen ist. Meine Forschung zum Thema bezieht sich auf Web Development und nicht speziell auf Game Development. Wenn euch da also relevante Unterschiede bekannt sind, gerne damit in die Kommentare.

Ist Game Development einfach nichts für Frauen*?

Herausgefunden habe ich im Hinblick auf eine Tätigkeit, die zur Zeit als sehr „männlich“ bzw. „was für Männer“ gilt, nämlich Programmieren, dass dies einst als „Frauenjob“ galt. Genau wie Mathematik als eine Naturwissenschaft galt, die eher etwas für Frauen war als z.B. Physik. Programmieren wurde im anglo-sächsischen Raum bis in die 1980er als Datenverarbeitung verstanden und somit als ein „Frauenberuf“: Etwas, das keine höheren intellektuellen Fähigkeiten erforderte, z.B. Managementkenntnisse.

Es gab also auch früher schon „Männerberufe“ und „Frauenberufe“. Allerdings nicht, weil die einen für das eine geboren waren und die anderen für das andere. Sondern aufgrund von strukturellem Sexismus, der besagte, dass „Frauen“ diejenigen sind, die weniger können und „Frauenberufe“ diejenigen, in denen keine Karriere gemacht werden kann. „Männerberufe“ waren diejenigen, die als schwieriger galten, weil sie von Männern ausgeführt und für Männer ausgeschrieben wurden, und „Männerberuf“ bedeutete, dass er höher bezahlt war und „Aufstiegschancen“ bot, also die Möglichkeit, mehr zu verdienen und mehr Verantwortung und Einflussmöglichkeiten übertragen zu bekommen.

Gesellschaftliche Vorstellungen von Familie und Geschlecht beeinflussten also massiv die Vorstellungen davon, was „Frauen“ und „Männer“ sind und was sie tun sollten. Mit den eigentlichen Tätigkeiten hatte das oft wenig zu tun und die Definitionen, was „weiblich“ und „männlich“ war, änderten sich je nach Bedarf. Die gleiche Tätigkeit konnte als „für Frauen“ gelten und somit als minderwertig und banal abgewertet werden, oder als „für Männer“ definiert und somit aufgewertet werden und als anspruchsvoll gelten, natürlich mit Folgen für die jeweilige Bezahlung. Was antiquiert klingt, gilt auch heute, beispielsweise für „care-Arbeit“/“Pflegeberufe“.

Der geringe Frauen*anteil in Berufen wie Web Development und Game Development hat also weder „biologische“ Ursachen noch den Grund, dass alle männlichen* Game Developer aktiv Frauen* hassen würden, sondern ist in sexistischen Strukturen begründet.

Mehr zum Thema:
Eine Sammlung von Beiträgen zum Einstieg gibt es hier bei Leitmedium.
Wenn ihr Zugang zu einer wissenschaftlichen Bibliothek habt, ist das Buch „Gender Codes: Why Women Are Leaving Computing“, das 2010 von Thomas Misa herausgegeben wurde, extrem aufschlussreich.

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