The Great British Bake Off

Seit September studiere ich in England Medien- & Kulturwissenschaften. Klar habe ich in der Zeit auch einige lokale Medien und Programme kennen gelernt. Auf den ersten (na gut, zweiten) Blick fasziniert hat mich jedoch folgendes Programm: The Great British Bake Off, eine Show in jeweils 11 Teilen, von der zur Zeit die 6. Staffel auf BBC One läuft.

Meine 1. (nicht-)Begegnung mit dem Format war am Anfang meines Aufenthalts, als ich erstaunt feststellte, dass die Show offenbar eine ganze Nation bewegt und in den Nachrichten über verbal abuse gegenüber einer Teilnehmerin las – die Umstände weiß ich nicht mehr, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich keine Lust, es mir anzusehen. Zufällig stolperte ich nun doch über den Stream und gab dem ganzen eine 2. Chance.

Jede Staffel wird eine Gruppe von 12 ausgewählten Teilnehmer_innen eingeladen, in einem Zelt zu einem Wett-Backen anzutreten. Die Kandidat_innen scheinen in dieser Staffel zumindest geschichtet ausgewählt worden zu sein, sodass kein Klischee einer weißen, weiblichen Hausfrau oder eines genialen patriarchalen Bäckermeisters dargestellt wird, sondern People of Colour, unterschiedliche Alters- und Berufsgruppen und gender gleichermaßen vertreten sind. Der Daily Mail reichte das offenbar bereits als Anlass für einen rassistischen Hass-Artikel, wie eine schnelle Recherche ergibt.

Spannend ist, wie durch das Format nationale Identitäten definiert und verhandelt werden: Wer kennt sich mit „britischem“ Backwerk aus, was ist überhaupt Groß Britannien und woher kommen kulinarische Einflüsse und Traditionen? In der ersten Folge wird auch Schwarzwälder Kirschtorte gebacken, mit amüsierten Überlegungen, welche Tiere und Pflanzen eigentlich als Deko zu dieser Torte passen. Zu Großbritanniens offenbar unkritischem Umgang mit seiner Geschichte als Kolonialmacht sag ich an dieser Stelle mal nichts… ich wundere mich nur. Andere wissen darüber sicher mehr, wenn ich einen Blogpost finde, sag ich bescheid.

Die Backenden werden in Aktion gezeigt und zu ihren Plänen befragt: Was hast du vor, wie gehst du deinen Plan an? Die in Aussicht gestellte Torte wird als hübsche Illustration dargestellt, bevor es zur nächsten Person übergeht. Bei der Bewertung gefiel mir und überraschte mich sehr die Art, wie mit Misserfolg umgegangen wird. Als einer Teilnehmerin* die Torte misslang, war dies natürlich ein dramatischer Höhepunkt der Show, jedoch wurde sie nicht zur Versagerin stilisiert:

(„Es ist okay, es ist nur Kuchen. Das heißt nicht, dass du gehen musst.“)

In einer Show, in dem es um die schönsten, perfektesten Torten geht, wird daran erinnert: Es ist nur ein Backwerk; es ist alles okay. Das hat mich sehr beeindruckt. Im Gegensatz zu ähnlichen Shows, wie Germany’s Next Topmodel oder DSDS, wird nicht auf die persönliche Schiene gegangen und fertig gemacht. Natürlich kann ein misslungener Kuchen große Enttäuschung und Traurigkeit hervorrufen, aber die eventuellen Versagensgefühle, die damit einhergehen, wurden von den Moderatorinnen Sue Perkins und Mel Giedroyc nicht verstärkt. Kuchenfest ist ein Flauschfest, auch im Wettstreit.

Als letzten Punkt hat mich gefreut, dass es nicht ums Verspeisen der Ergebnisse geht und damit um mögliche Schuldgefühle, die damit verbunden werden können. Ob Torten essen eine Sünde ist, ein höllisches Vergnügen, etwas Schönes oder Rebellisches: Das ist überhaupt kein Thema. Es geht um Techniken, Geschick, Kreativität und Übung. Für die Bewertung spielen Aussehen, Textur und Geschmack des Ergebnisses eine Rolle. Die Jurorin Mary Berry und der Juror Paul Hollywood beurteilen nach eigenem Empfinden – sie loben und kritisieren als Expert_innen.

Das hat für mich eine große Bedeutung gehabt. Wie ich für die 6. Ausgabe (PDF, s. S. 20-21) des wunderbaren brav_a Magazins schrieb, lösen flauschige „Torte ist toll, Riots not Diets“-Aussagen, so wichtig sie in anderen Zusammenhängen auch sind, in mir leider vor allem Erinnerungen an Fat Shaming aus. Alle sollten so viel oder wenig Kuchen essen können, wie sie mögen und können. Außerdem führen „Alle lieben/können toll kochen!“-Koch- und Backshows wie „Das perfekte Dinner“ bei mir eher dazu, mich unzureichend zu fühlen, da ich selten die Energie, Motivation und Leidenschaft dafür aufbringe, aufwendig oder überhaupt zu kochen und zu backen.

Die bunten Farben, mal bei Sonne oder berüchtigtem Regen, die Kreativität und Erlesenheit in der Ästhetik in Bake Off haben mich eher an die Netflix-Show Chef’s Table über die kulinarischen Kunstwerke von Meisterköch_innen erinnert (bei der die Macho Köche leider in der Überzahl waren). Es freut mich umso mehr, dass die Künste dieser Hobby-Bäcker_innen als etwas Besonderes dargestellt werden – ich bin gespannt auf die nächste Folge.

Hier geht’s zu Teil 2

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