Tyrannei vom Lande

[Triggerwarnung: Gewalt gegen Frauen*]

Gedanken zu einem Artikel über ritualisierte Gewalt an Frauen, der als romantisches Gruselmärchen in der „Feiern weltweit“-Rubrik auf Spiegel Online erscheint. Ein Versuch, zu erklären, was deutsche rapeculture sein kann.

Auf Spiegel Online vom 6.12.2013 erschien ein Artikel – eine gekürzte Fassung eines im mare-Magazins erschienenen Texts, den ihr über eine Suchmaschine finden könnt. Es geht um den Brauch auf Borkum, dass an Nikolaus die 6 schnellsten und stärksten jungen Männer hinter Masken versteckt über die Insel rennen und junge Frauen fangen, denen sie dann den Hintern versohlen und sie demütigen.

„Da kommt Klaasohm, in seinen Händen ein Kuhhorn. Er holt aus, rasch drückt der Biloper ihren Kopf nach vorn. Ein-, zwei-, drei-, viermal saust das Horn auf den Hintern nieder. (…) Bis in die 1990er waren die Hörner mit Sand gefüllt. Noch heute hinterlassen die Schläge rote Male.“

Ausdrücke wie „Legende“ und „Brauch“ umnebeln diese Er_zählung. Ich will gar nicht den Artikel kritisieren, er hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken gedacht und ich kann empfehlen, ihn sich anzuschauen, um meinen weiteren Gedanken zu folgen. Warum löst der Text zwar Ekel, aber auch emotionale Resignation aus – ein „so ist das halt (auf dem Lande)“? Wer glaubt, so einen Brauch zu brauchen? Ich verwende persönliche Erfahrungen, um dahinter zu kommen.

Ich wuchs mit (einer Faszination für) Märchen und Fabelwesen auf. Jeden Sommer bei der finnischen Familienhälfte auf einer kleinen Insel. Meer, Wald, Wiesen. Trolle und Elfen naheliegend: sogenanntes kulturelles Erbe, tausendfach zitiert. Die bösen und die guten Geister sollten angeblich Naturgewalten erklären. Von diesen konnten Frauen und Männer, Kinder und Alte getroffen werden. Aber das Ritual, Frauen zu jagen und zu schlagen, hat nichts mit Naturgewalten zu tun und lässt sich dadurch weder erklären noch rechtfertigen.

Den Rest des Jahres verbrachte ich auf dem Land in Norddeutschland. Auf dem Dorf ist man_n weit entfernt von romantischen Sagen, die Realität bestehend aus Schulranzen und Computerspiel, Hausaufgaben und Lästereien. Die Bräuche sind dennoch da. Was gehört sich, und vor allem, was nicht. Viele ungeschriebene Gesetze, für Zugezogene wie meine Familie nicht unbedingt greifbar. Im Mai fahren früh morgens Treckerladungen voller betrunkener Jugendlicher zum Pfingstmarkt. Es wird gesoffen und gebaggert. Angeblich raufte man_n früher mit den Jungen anderer Dörfer, wenn diese mit einem Mädchen des eigenen Dorfes ausgingen.

Am Baggern hat sich wahrscheinlich nicht viel verändert. Was sich neckt, das liebt sich, wurde uns schon in der Grundschule erklärt: die Mädchen meiner Klasse, die von den Jungen gequält wurden, durch an-den-Haaren-ziehen, kneifen, demütigende Sprüche, wurden dazu angehalten, dies als Aufmerksamkeit, als Interesse im positiven Sinne, von den Jungen zu interpretieren. Für mich galt: da ich nicht mitspielte, gab es keine Aufmerksamkeit, kein Interesse im positiven Sinne.

Sicher gab es für diejenigen, die sich am sog. Ritual/Spiel beteiligten, wenn das Interesse beiderseits erstmal hergestellt war, auch konsensuelle, schöne sexuelle und Zuneigungserfahrungen. Zunächst gilt jedoch das Aufwachsen in einer Vrgwaltigungskultur (rapeculture): (Hetero-)sexuelle Handlungen (auch sog. – heterosexuelle, natürlich – Liebe) werden für Mädchen mit Zwang, Schmerzen und Demütigung verbunden. Für Jungen mit Eroberung, mit Fangen & Festhalten. Sie lernen: das gehört sich so, macht Spaß und die Mädchen, später Frauen, freuen sich über die Aufmerksamkeit, das Interesse, da sie es nicht anders kennen. Ich zitiere den Artikel:

„Okay, das ist frauenfeindlich“, sagt Natalie, 15. „Aber es gehört dazu. (…)“

Der sog. Brauch (man_n brauch_t das??) entwickelte sich daraus, dass viele Männer der Insel zur See gingen und wenn sie im Winter zurück kamen, wollten sie zeigen, wer auf der Insel das Sagen hat.

„Es ist doch so“, sagt Natalie, „an den anderen Tagen im Jahr regieren wir. Lassen wir ihnen das Spiel.“

Also ritualisierten sie eine Nacht voller Gewalt gegen Frauen, eine Gruppe von Menschen, die sie anscheinend als sich selbst untergeordnet ansahen und von deren selbstermächtigtem Handeln sie sich bedroht fühlten. Wie armselig.

Diese Bräuche, Traditionen, Gewohnheiten: Sie könnten auch als sadistische Tyrannei bezeichnet werden. Wer den Egalia-Test anwendet, sieht das schnell: Ein Artikel darüber, dass eine Gruppe von Frauen – Viele gegen Einen –  jüngere, körperlich unterlegene Jungen festhalten und verprügeln würden, jedes Jahr, um ihnen beizubringen, wer hier das Sagen hat. Wie würde das wohl aufgenommen werden. Als romantisch-gruselige Geschichte in der mare-Zeitschrift?

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7 Gedanken zu “Tyrannei vom Lande

  1. Einfach krass, dass es sowas heute noch gibt. Widerlich. Solche Bräuche sollten aussterben, und zwar so schnell es geht.

    Ich könnte mir vorstellen, dass die Frauen* dabei mitmachen, weil sie nicht als „zickige Spielverderberinnen“ gelten wollen.

    Zufälligerweise habe ich einen englischsprachigen Artikel zu einem ähnlichen Thema entdeckt [Triggerwarnung: Gewaltdarstellung und -rechtfertigung]

    http://www.patheos.com/blogs/permissiontolive/2012/08/it-really-wasnt-that-long-ago.html

  2. Es ist ja nicht so, dass die Frauen diesem Spiel passiv ausgeliefert sind. Sie machen mit.
    Dort kannst du mit deiner Argumentatio ansetzen.

    1. Hallo Suse,
      ein Argumentationsansatz in meinem Text bezieht sich genau darauf: warum machen sie mit? Wie ich schrieb, lernen viele Mädchen und Frauen von klein auf, dass es okay ist, wenn ihnen Gewalt angetan wird. Sie lernen, dass Gewalt und Unterdrückung bedeuten können, dass sie dazugehören sowie von Männern (hetero_sexuelle) Aufmerksamkeit erfahren.

      1. Dann formuliere ich es anders: Warum durchbrechen sie diese Muster nicht? Warum geben sie sie als Erwachsene weiter?

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