Sexismus entlarven: Der Egalia-Test

Kennt ihr das Gefühl, dass dieses Poster, dieser Kommentar, diese Argumentation sich irgendwie sexistisch anfühlt? Ihr es aber nicht sofort konkret benennen könnt? Euer Bauchgefühl „mieses Patriarchat“ schreit, aber gleich die ganzen „Ist doch nicht so schlimm“-Stimmen dagegen anflüstern? Gerade, wenn mensch anfängt, sich mit Feminismus zu beschäftigen, kann das sehr irritierend sein. Mir hilft in solchen Situationen der von mir so genannte Egalia-Test.

Was ist Egalia? Die Idee stammt aus dem erstmals 1970 erschienenen Roman „Die Töchter Egalias“ von der Norwegerin Gerd Brantenberg. In dem Buch wird eine Gesellschaft beschrieben, in der angebliche Gleichberechtigung herrscht frauscht. Die Menschen Wibschen in Egalia können beispielsweise alle die gleichen Berufe ergreifen. Die Hauptperson, der junge Petronius, möchte gerne Seefrau werden. Seine kleine Schwester Ba zieht ihn auf: „Eine männliche Seefrau! Der blödeste Ausdruck seit Wibschengedenken.“ Die Mutter, Frau Direktorin Bram, hält ihren jungen Sohn dazu an, sich doch lieber in Jünglingsromane zu vertiefen. In einem späteren vertraulichen Gespräch eröffnet ihm sein Vater, dass es wohl an der Zeit ist, dass Petronius seinen ersten PH bekommt – einen Penishalter.

„Die Jungen erzählten sich, dass er kratze und immer im Weg sei. Sie haben gesagt, es sei unangenehm und unpraktisch, den Pimmel in so einen blöden Halter mit Stäbchen zu stecken. Und es sei so unpraktisch beim Pinkeln. Denn sie mussten zuerst den Bauchgürtel, der den PH hielt, losbinden, und der war unter dem Hemd festgemacht, so dass sie oft lange fummeln mussten, besonders zu Anfang. Der Bauchgürtel war meist zu eng und hinterließ auf der Haut Abdrücke. (…) Einige behaupteten, ein PH kratze immer. Andere meinten, es komme darauf an, welchen Stoff dam aussuche. Es gab richtig weiche Stoffe, die nicht so reizten. Aber solche PHs waren teuer.“

Weitere Beispiele aus dem Inhalt (Spoilerwarnung) findet ihr hier.

„Die Töchter Egalias“ ist eine konsequent durchdachte, satirische Umdrehung der Geschlechterverhältnisse. Vieles hat sich zum Glück verändert und stellt die historische Situation in den 60er Jahren dar. Aber vieles andere ist direkt auf die heutige Gesellschaft übertragbar, gerade wenn es darum geht, wie Ungleichheiten in Sprache, Biologie, Wissenschaft und Verhalten verharmlost werden. Nachdem man dam das Buch gelesen hat, ist es ein Leichtes, das Spiel auf potenziell sexistische Situationen zu übertragen. Diese Pose auf dem Werbeplakat dort – ist sie nicht relativ normal? Das Verhalten von ihrem Freund – so sind Typen einfach? Die Schlagzeile „Mann erschießt den neuen Partner seiner Exfreundin“ – was ist schon dabei? Drehe das ganze konsequent um, und schon hast du deine Antwort. Wenn das Umgekehrte absurd klingt, dann weißt du, dass dein grummelndes Bauchgefühl gestimmt hat.

[Disclaimer: Funktioniert für eine erste, schnelle, unwissenschaftliche Einschätzung (Aha-Effekt), um die Ungleichstellung der Gender festzustellen. Ist etwas anderes als „What about the men“/“Und was ist mit den Männern?“. Für eine Dekunstruktion von Geschlecht aus einer queeren Perspektive ist der Test meiner Meinung nach höchstens in einem zweiten Schritt geeignet. Aber es macht Spaß :> ]

Hier zwei schlagend aktuelle Beispiele aus dem Netz:

Der tumblr The Hawkeye Initiative (TW: sexualisierte Posen von Comic-Heldinnen)
„Finde den Fehler“ auf dem blog Gleisbauarbeiten

Nutzt ihr das Umdrehen im Alltag? Findet ihr es hilfreich? Fallen euch weitere Beispiele ein?

Advertisements

12 Gedanken zu “Sexismus entlarven: Der Egalia-Test

  1. Eine Umkehrung in einer komplett anderen Welt, wie in dem Buch und der Serie ist möglich, aber funktioniert das tatsächlich in der realen Welt? Kultur und Wille sind in unserer Gesellschaft dermaßen verknüpft, dass ein plumpes Umkehren nicht immer das sexistische von Wort/Tat usw. auf den Punkt bringen kann. In einigen Fällen, v.a., wenn mit Tradition argumentiert wird, als Argument“ es ist nicht sexistisch, es ist tradition“, zeigt wiederum dieses argument der „gegenseite“ auf, wie sexistisch unsere tradition und kultur ist.

  2. Eine sehr unterhaltsame Umkehrung der Geschlechterverhältnisse findet sich in der Deutsch-britischen Serie aus den 70-ern: Star Maidens, auf deusch: Die Mädchen aus dem Weltraum. Sehr unterhaltsam. Gibt es auf youtube:

    Mein liebster Dialog: „Chancelor Octavia has you listed as a possible subversive.“
    „Of what madame?“
    Zu Octavia: „He doesn’s understand long words.“

    1. Cool, danke für den Beitrag! Hier wurden die Rollen vertauscht also Frauen = dominant, Männer = untergeordnet. Was mir auffällt, ist, dass das Auftreten der Protagonist_innen dabei nicht umgedreht wurde. Also Fulvia = geschmückt und gefühlsbetont, Typ (Held) = entschlossen, feste Stimme. Dies hätte, wenn die Produzent_innen es gewollt/ bedacht hätten, mit wenig Aufwand geändert werden können.

      1. Ja, hier findet lediglich ein Rollentausch statt. Nur Octavia überwindet hier die ein oder andere Grenze. Allerdings war „Die Mädchen aus dem Weltraum“ auch eine Serie, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Vorabendprogramm lief und von der ARD mit finanziert wurde. Dafür finde ich den Inhalt mehr als beachtlich. Das wäre heute in dieser Radikalität und mit dieser Besetzung kaum noch möglich. Besonders Pierre Brice, der Adam spielt und als Winnetou bekannt geworden ist, macht aus seinem Konservativismus und seinem Machotum in der Öffentlichkeit sonst keinen Hehl.

  3. Ich denke wenn alle Seiten (Männer, Frauen, Queer …) das eine Weile lang konsequent täten, würden die Diskussionen zu diesem Themenkomplex sachlicher geführt werden.

  4. Das Buch kenne ich nicht, hört sich aber auch sehr interessant an. In der Tat mache ich das mit dem umdrehen schon seit langer Zeit im Alltag, wenn mir etwas komisch vorkommt. Aber auch, wenn jemand anders etwas sexistisch findet und mir das nicht aufgefallen ist.
    Häufig ist das ganz praktisch. Was mir allerdings auffällt ist, dass es dennoch immer wieder auf die Person ankommt, die diese Technik anwendet, denn teilweise komme ich mit der gleichen Methode zu einem anderen Schluss als andere Menschen.
    Vielleicht auch, weil für mich als Frau auch Dinge normal sind, die es für andere evtl. nicht sind.

    1. Dass Leute zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, habe ich auch schon erlebt. Ich nehme an, dass Leute, die „Die Töchter Egalias“ gelesen haben, Situationen ähnlich umdrehen, da sie die ganzen Beispiele kennen.

  5. Guter Vorschlag, das Umkehren (und das Beispiel mit dem PH! o.o)
    Frage — worauf spielt denn das “Mann erschießt den neuen Partner seiner Exfreundin” an? Darauf, dass bei einem weibl. Täter Klischees von weibl. Wahnsinn/Eifersucht/Unberechenbarkeit mit dabei wären? Oder wie ist dies gemeint?

    1. Danke!
      Die Überschirft ist mir irgendwo ins Auge gesprungen. Sie löste in mir ein „Ach schon wieder“ aus, und das machte mich stutzig. Umgedreht heißt die Überschrift ja „Frau erschießt die neue Partnerin ihres Exmannes.“ Mir kamen dazu, genau wie dir, die Beurteilungen „übertrieben, wahnsinnig, viel zu krass gewaltvoll“ in den Sinn. Meine Schlussfolgerung war: ‚Gewalt von Männern gegenüber Frauen ist so üblich, dass ich sie als normal wahrnehme. Krass!‘ Wie gesagt, das ist nicht dekonstruktivistisch, kann aber erstmal hilfreich sein.

      [Ergänzung 26.03.2013: Es soll beim Umdrehen nicht in Weiblichkeits-Klischees gedacht werden, sondern so, dass Frauen die privilegierte, dominante Position innehaben. D.h. in Egalia würde gesagt werden, „Ah ja, Frauen sind halt besitzergreifend und brutal, so ist es halt“. Da das nach einer seltsamen Erklärung klingt, wird für mich deutlich, dass die Tat nicht „normal“ ist, weder für „Frauen“ noch für „Männer“, obwohl es innerhalb der Gesellschaft als etwas Normales bewertet und gerechtfertigt wird.]

  6. Schöner Artikel und danke für den Buchtipp! Ich nutze das Umdrehen im Alltag auch häufig. Denn das Umgekehrte klingt dann plötzlich eben nicht mehr selbstverständlich… Frauen nach ihrer Körbchengröße zu fragen sei ja „nicht so schlimm“, aber niemand käme auf die Idee, Männer einfach mal so nach ihrer Unterhosengröße oder Penislänge zu fragen… Nein, das sei natürlich nicht in Ordnung! Aber warum denn dann andersherum?! Du hast es schön auf den Punkt gebracht: „Wenn das Umgekehrte absurd klingt, dann weißt du, dass dein grummelndes Bauchgefühl gestimmt hat.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s