Psychische Regelschmerzen und PMS = reale Probleme

In diesem Moment sitze ich zu Hause mit etwas, das eine Menge Menschen kennen: Seit gestern habe ich meine Tage. Meine Oberschenkel sind angespannt, genauso wie mein Becken. Die Arbeit in meinem Unterleib macht sich bemerkbar.

An diese körperlichen Symptome habe ich mich gewöhnt. Sie kommen und gehen relativ zuverlässig. Wenn es wehtut, helfen mir Ibuprofen, eine Wärmflasche, ein Spaziergang, um die Schmerzen zu lindern. Was sonst noch alles gegen krasse Menstruationsschmerzen getan werden kann, wurde_wird bei Esme auf High on Clichés besprochen.

Was bei mir abgeht relativ unabhängig von Schmerzen und Spannungen, sind ganz andere Sachen. Für mich sind diese gravierender, da intensiver und für mich schwieriger, damit umzugehen. Viele Menstruierende kennen die Stimmungsschwankungen, die vor oder während der Regel auftreten: schlechte Laune, Traurigkeit, Reizbarkeit. Genau wie bei Schmerzen wird oft gesagt, das sei nicht so schlimm und mensch solle sich nicht so anstellen und_oder (!) bilde sich das ein. Wenn die psychischen Schmerzen (in Ermangelung eines besseren Begriffs) verstärkt und regelmäßig auftreten, wird das PMS (Prämenstruelles Syndrom) genannt. Das – ist – keine – Einbildung. Es ist eine Hormonstörung, ein Ungleichgewicht, das bei der Betroffenen zu akutem Leid führen kann. Leider wird im Mens-Artikel „Wenn der rote Blitz einschlägt“ in der ansonsten großartigen aktuellen MISSY zustimmend zitiert: „PMS gibt es nicht, das wurde von den Männern in den Medien erfunden, um uns verrückt erscheinen zu lassen“. LISTEN UP! (Achtung, Mens-Verärgerung. Ich habe meine Tage.) PMS und Stimmungsschwankungen werden instrumentalisiert, um Frauen* ihre Urteilsfähigkeit abzusprechen. Männer benehmen sich oft genug, „als hätten sie ihre Tage“. Vielleicht ist auch das Patriarchat ein Grund, warum Mentruierende wenigstens einmal im Monat so grantig werden. Aber – jetzt wird es spannend – das heißt nicht, dass es die Beschwerden nicht gibt. Sondern dass wir sie ernst nehmen, mehr darüber forschen und uns um Betroffene kümmern müssen.

Vielleicht habe ich schlecht recherchiert, aber ganz ehrlich: Ich habe in den Weiten des webs noch nicht viel Hilfreiches über PMS gefunden. Eine nicht mehr existente Seite des (Werbe-)Webauftritts von always hatte gute Ernährungstipps. Mittlerweile findet sich dort auch ein Hinweis zu PMS und PDS. Dort gibt es auch einen Verweis auf womenshealth.gov.

Ich kann mit meinem Beitrag weder Ursachen noch Lösungen nennen. Ich kann nur meine eigenen Symptome schildern und ihr könnt kommentieren, ob und wie ihr selbst psychische Schmerzen im Zusammenhang mit eurem Zyklus erlebt.

An den meisten Tagen im Monat fühle ich mich stark, handlungsfähig, gut gelaunt und bewältige meinen Alltag ohne größere Unmöglichkeiten. (yay!) An anderen Tagen – verstärkt vor und während meiner Periode, aber auch zwischendrin – wechselt meine Stimmung im Minutentakt. Also auch Hochstimmungen, Übermut. Das überwiegende Gefühl ist jedoch folgendes: Egal wie schön alles gestern war, heute fühlt sich alles falsch an und das nicht nur ein bisschen. Alles fühlt sich sinnlos und traurig an und vor allem, als könnte es nie wieder gut werden. Ganz unabhängig von meiner realen Situation fühle ich mich einsam und unzulänglich. Keine Pläne locken mich, keine Mantras können mich beschwichtigen. Ich bekomme Heulkrämpfe und am schlimmsten ist die Angst: dass es nicht vorübergehen wird. Dass es keine Lösung gibt. Denn in dem Moment ist nichts real außer den Gedanken und Gefühlen, die sonst nicht da sind, aber mich an diesen Tagen überwältigen: Du bist nichts. Du hast nichts. Das wird nichts mehr. Zwei blitzartige Gedanken sind in meinen letzten derartigen Phasen immer wieder in meinem Kopf aufgetaucht: „Es ist akut“ und „Ich will Medikamente“. Also: Abhilfe. Das muss meinetwegen kein chemisches Präparat sein. Aber ich will, dass in diesem Moment etwas hilft.

Menschen, die einfach nur trösten, auch wenn ich nicht richtig erklären kann, was da gerade abgeht, sind in solchen Momenten Gold wert. Einfach, weil sie mir die Definitionsmacht über meine Schmerzen lassen. Weil sie sagen: Es tut dir weh. Und ich bin für dich da. Aber natürlich reicht das nicht. Sie wollen helfen, aber wissen ebenso wenig wie ich, was genau ich brauche. Vielleicht ein Medikament, und wenn ja, welches? Viele Frauenärzt_innen können oft auch keine Lösungen anbieten.

Lasst uns aufhören, psychische Regelschmerzen kleinzureden. Solidarisch sein mit denen, die darunter leiden. Sie ernst nehmen, ihnen zuhören und nach eigenen Kräften für sie da sein.


Update 11. Dezember 2013 um 15:29:

Was bei mir nun geholfen hat, war, insgesamt meine Stimmung etwas zu stabilisieren (mit Verhaltenstherapie). Die Tiefs treten nach wie vor auf, aber durch Möglichkeiten, da wieder rauszukommen, bin ich ihnen auch während meiner Periode weniger ausgeliefert als zuvor. Das mag bei anderen Menstruierenden wiederum ganz anders sein.


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11 Gedanken zu “Psychische Regelschmerzen und PMS = reale Probleme

  1. Habezum Glück einen Frauenarzt und eine Psychotherapeutin gefunden, die mich in der Hinsicht sehr ernst nehmen. Habe einiges ausprobiert, aber das einzige, das hilft, ist die Pille im Langzeitzyklus. Ich habe zwar Angst vor den Nebenwirkungen, aber auch das wird vom Arzt ernstgenommen und es wird gehandelt (z.B. Überweisung für Gerinnungsambulanz). Seitdem ich das mache, geht es mir sehr gut. Bin stabil, habe das Gefühl Kontrolle über mein Leben zu haben. Habe keinen Eisenmangel mehr (hatte starke Mens).

    1. Danke für Deinen Kommentar! Ich versuche es jetzt auch auf diese Art und bin froh, so zumindest einen Teil der Schmerzen losgeworden zu sein. Wie gut, dass Dein Arzt und Deine Therapeutin dich bei allen Schritten ernst nehmen und supporten!

  2. Dein Text zum Thema ist zwar schon älter,aber da ich gerade auch wieder mittendrin stecke, hier meine Eindrücke.
    Ich bin auch sehr wohl der Meinung, pms oder wie immer man es nennen mag oder sollte, existiert. Vielleicht nicht bei allen Frauen.Deswegen aber denjenigen Frauen, die darunter leiden (Jawohl!) ihre Urteilsfähigkeit,was ihren eigenen Körper und ihre Psyche angeht, abzusprechen,ist aber auch nicht gerade fair.
    Nun aber zu mir: Ich kenne zwar nicht die häufig beschriebenene Traurigkeit, aber dagegen steigt bei mir ab Zeitpunkt des Eisprungs die Aggressivität. Heißt konkret: ich bin extrem streitlustig, angespannt, unnachgiebig, unfair, springe auf jedes noch so unwichtige Detail auf, um einen Schuh draus zu machen etc. Und es geht mir schlecht dabei. Ich weiß, dass ich mich blöd verhalte, komm aber nicht raus. Und am meisten trifft es meinen Partner, obwohl ich schon merke,dass ich auch gegenüber meinem Kind oder im Job ungeduldiger bin.
    Am Tag vor meiner Periode und am ersten der selben ist es am schlimmsten. Dann bessert sich meine Stimmung zusehens.
    Was mir hilft, ist erstens ein verständnisvolles Umfeld.Wenn mein Partner einsteigt in die Konflikte, wird es ganz schlimm. Das gelingt ihm nicht immer.Eher selten. Kann ich auch verstehen. Denn würde er mich ansprechen a la „Bekommst du deine Tage?“ würde ich mich wohl nicht ernst genommen fühlen, und noch mehr ausflippen. Das ist ja das fiese. Ich weiß, es liegt an den Hormonen,kann es aber in der Situation nicht zugeben. Hinterher, wenn dieses Chaos rum ist, und ein neuer Zyklus startet,kann ich sehr wohl sagen, „Ja, ich reagiere vermehrt aggressiv, bevor ich meine Tage kriege. “

    Zweitens: Zeit für mich. Das ist wohl das beste, für mich und meine Familie. Mein Partner schnappt sich dann das Kind und geht zum Spielplatz.Und ich in die Wanne und lese. Eine Auszeit tut mir gut. Und Ablenkung. Mit Freunden treffen z.B. Generell: Stress vermeiden.

    Drittens: vor meiner Schwangerschaft nahm ich Mönchspfeffer ein. Das mildert definitiv die damals starken körperlichen Schmerzen, die ich heute so nicht mehr kenne. Ob es auch meine psychischen Schmerzen linderte,weiß ich nicht mehr. Evtl.versuche ich es wieder , denn allgemein hat es damals langfristig gut geholfen, meine damaligen starken hormonellen Schwankungen (pcos) zu regulieren.

    Viertens: Dieser Punkt ist jetzt Wunschdenken. Ich muss irgendwie versuchen, auf eine Metaebene zu kommen, und mich objektiv selbst anzuschauen. Wie jetzt gerade. Meine Familie ist ohne mich los (natürlich im Streit) und jetzt liege ich hier in der Wanne und kann schreiben, es liegt an meiner Periode. Könnte ich es schaffen, aus der aggressiven Schiene aufzusteigen und zu sagen, „Es tut mir leid. Ich bin furchtbar. Ich krieg wohl meine Tage. “ wäre sicher viel gewonnen.
    Das heißt nicht, dass ich mich aus der Verantwortung stehlen will. Ich sage nicht, “ Hey ich kann ja nix dafür!“. Ich muss eine Konfliktlösestrategie finden, die auch dann zu tragen kommt, wenn pms einsetzt. Wer so eine Strategie kennt: her damit!

    Allen anderen Betroffenen: alles Gute!

    (So ein langer Text.Das bringt mich auf die Idee eines pms – Tagebuchs…)

    1. Hi Miss Moocher, danke für Deinen langen Kommentar!

      Das mit der Badewanne klingt ziemlich schön. Ich fände es wohl auch schwierig, gerade wenn ich streitlustig bin, zurückzurudern und zu sagen, hm, ist wohl nur meine Periode. Die Wut ist ja trotzdem da.
      Was mich an eine Comiczeichnung erinnert, auf der eine Mutter ihre Kinder anraunzt, sie sollten mal ihre Sachen wegräumen, und im nächsten Bild zufrieden meint, dass es vielleicht auch ganz praktisch ist, manchmal seine Tage zu haben, sonst würden deren Zimmer schließlich nie aufgeräumt werden. Ohne auf eventuelle Klischees einzugehen, denke ich, dass da vielleicht etwas dran ist – also dass die Wut nicht komplett fremd von uns ist, sondern ein Teil ist, der den größten Teil des Monats eben weniger präsent ist. Natürlich nur, solange eine dabei nicht das Gefühl bekommt, ihr ausgeliefert zu sein.
      (Siehe auch dieses Update, was ich nach dem Artikel geschrieben hatte:
      https://queerdenke.wordpress.com/2013/03/05/psychische-regelschmerzen-und-pms-reale-probleme/comment-page-1/#comment-76)

      Liebe & auch manchmal wütende Grüße und alles Gute.

  3. Update: Was bei mir nun geholfen hat, war, insgesamt meine Stimmung etwas zu stabilisieren (mit Verhaltenstherapie). Die Tiefs treten nach wie vor auf, aber durch Möglichkeiten, da wieder rauszukommen, bin ich ihnen auch während meiner Periode weniger ausgeliefert als zuvor. Das mag bei anderen Menstruierenden wiederum ganz anders sein.

  4. Ich kenne diese extremen Stimmungsschwankungen auch. Sobald mein Unterleib anfängt weh zu tun und ich merke, dass bald meine Periode einsätzt, komme ich regelrecht in eine Art „Tief“. In diesem Zustand kommt es bei mir häufig zu Selbstmordgedanken, da einfach alles sinnlos erscheint. Ich weiß zwar ganz genau, dass meine Hormone nur verrückt spielen, kann jedoch nichts daran ändern. Wenn ich zu solchen Zeitpunkten auch noch alleine bin, verzweifle ich total. Meine Mutter ist meistens die Einzige, die mir hilft. Meine Freunde und auch Freundinnen sind des öfteren total überrascht von meinem übertrieben schlechten, oder selten auch gutem Benehmen. Ich bräuchte auch einen wirklichen Trost, denn die meisten Lösungsversuche bewirken bis jetzt nichts

  5. Du sprichst mir aus der Seele :) Danke! Ich weiß genau, wie du dich fühlst. Bei mir ist es auch manchmal während meiner Periode so, dass ich Stimmungsschwankungen habe. Aber noch schlimmer ist es ungefähr zu der Zeit des Eisprungs. Dann hab ich oft einen Tag, an dem ich einfach nur heulen muss. Es gibt dann meist nur einen ganz kleinen Grund, der das Fass zum Überlaufen bringt. Dann fühle ich mich ungeliebt und einsam und alles ist ganz schrecklich und ich kann mich auch nicht durch vorherige schöne Momente ablenken oder positiv in die Zukunft schauen… Ich versuche dann entweder unter Leute zu kommen, oder kuschel mich mit einem Wärmekissen und nem Tee in mein Bett, höre Musik oder schau ne DVD. Zum Glück geht es dann irgendwann wieder und ich frage mich, warum ich eigentlich so down war. Hmm, schon komisch.

    1. Danke für den Comment, meine liebe! Habe nochmal nachgeguckt und bei mir gibt es auch um den Eisprung einen „peak“. Wir kümmern uns um uns selbst und um einander^.^
      Nehme gerade agnucaston, vielleicht lindert es, und habe mir nach deinem Tipp die „Notfallbonbons“ (Bachblütenbonbons) besorgt. Außerdem versuche ich, in der Woche vor meiner Periode meine Ernährung umzustellen: auf sehr süße oder salzige Sachen sowie auf Koffein und Alkohol verzichten.

  6. Guter Artikel, Danke! Leider hinkt Deutschland mal wieder hinterher, was das Problem PMS betrifft, in den skandinavischen Ländern und auch in den USA ist es als Problem schon viel bekannter, vielleicht kann man in Kommunikation mit dort lebenden Menschen einer Lösung näher kommen.

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