Ich will auch mal in eine Schublade passen!

[Titel geändert am 13.02.2013]
Auf dem Weg sein heißt auch, auf dem Weg zu meiner sexuellen Orientierung. Manchmal fühle ich mich da sehr… orientierungslos. Eigentlich ist es klar: ich liebe Menschen, ich steh auf Frauen* und manchmal auch auf Männer*, ich finde Leute aller möglichen Geschlechter attraktiv, wenn die Personen mit sich übereinstimmen. Wenn ich sie schön finde und mag wie sie sprechen, sich bewegen, denken, sich verhalten, lächeln, begeisterungsfähig sind, mir ihre Aufmerksamkeit schenken. Ich bin queer oder auch pansexuell, und es ist völlig egal, wer wen hier liebt.

Ist es aber anscheinend doch nicht. Mir ist es wichtig, es war z.B. wichtig, mich zu outen – als was auch immer. Auch einmal das Label „Lesbe“ anzunehmen, weil ich Frauen liebe, weil es zu vielen Erfahrungen passt, weil ich nie straight gewesen bin. Und bisexuell – so möchte ich mich nicht nennen, denn für mich klingt es wie: Steht auch auf Frauen. Außerdem steht es für ein ganzes Fass an Vorurteilen, die ich mir nicht an den Hut stecken will. Ich will eine ally von Bi-Leuten sein, und es geht mich ganz offensichtlich eine Menge an, aber das ist nicht mein Label.

Lesbe bedeutet für mich eine Menge, aber nicht: exklusiv auf Frauen stehend. Und weil es für mich eine Menge bedeutet, benutze ich es gerne. Schließlich fühlt es sich an wie ein wichtiger Teil meiner Identität, dass ich Frauen* liebe. Aber in letzter Zeit habe ich bemerkt, dass sich seltsame Gedanken eingeschlichen haben: Die Angst, dass jemand entdeckt, dass ich auch auf Männer* stehe und mich deswegen eigentlich gar nicht lesbisch nennen darf. Eine Art schlechtes Gewissen. Als könnte mir die Queerness oder Gayness plötzlich abhanden kommen, wenn ich mit einem Typen zusammen wäre und ich mich irgendwie an den Mainstream und das Patriarchat verraten hätte. Ich würde aufwachen und feststellen, dass ich nun alle erdenklichen Hetera-Privilegien abfischen kann und von „echten“ gay Leuten nur noch eine Freundin und Verbündete sein kann. Damit würde allerdings ein wichtiger Teil von mir ausgeblendet werden, nämlich die Gesamtheit dessen, was es für mich bedeutet, nicht straight zu sein.

Warum drehe ich mir einen Strick daraus, eine Vielfalt an Menschen attraktiv zu finden? Vielleicht, weil ich noch an keines der Worte gewöhnt bin. Weil ich für mich weiter nachfühlen will, ob ich ein passendes finde. Denn Wörter schaffen Realität, und viele (darunter ich) sind noch nicht so weit, alles Besondere unkommentiert stehen zu lassen.

Erica Moen hat einen großartigen Comic zu diesem Konflikt gezeichnet:
queer1

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9 Gedanken zu “Ich will auch mal in eine Schublade passen!

  1. Hi,

    nimms mir nicht übel, aber ich finde das nicht integer und ich glaube viele feministischen Lesben, würden sich sehr darüber aufregen.

    Wenn ich darf, würde ich gerne meinen Eindruck dazu schildern. Ich habe das Gefühl, dass deine Selbstbezeichnung „Lesbe”, weniger aus deiner Selbst-Identifikation heraus wächst, sondern einem Wunsch nach Zugehörigkeit entspricht. Das sagst du ja auch, mehr oder weniger direkt, in der Überschrift.

    Ich halte das Bedürfnis grundsätzlich für ein legitimes. Allerdings denke ich auch, dass es nicht gesund ist, sich einer Gruppe durch Verschleierung anzuschließen. Andere könnten sich dadurch betrogen fühlen und ich denke, es ist langfristig auch für dich nicht hilfreich.

    Viele Grüße

    1. Nur aus Interesse, bist du eine feministische Lesbe oder kennst du welche?

      Ich finde deine Bedenken legitim und verständlich. In meinem Fall ist es denke ich sinnvoller, mich mit Worten zu beschreiben, die weniger festgelegt sind. Denn im engeren Sinne wird unter Lesbe ja verstanden, dass sie nur auf Frauen* steht, so wie unter Hetera verstanden wird, dass sie nur Männer* liebt. Für das Spektrum dazwischen gibt es andere Begriffe, die sicher besser passen. Interessanterweise befinden sich die allermeisten Frauen* irgendwo zwischen den beiden Extremen.

      1. Hi,

        nein, ich bin keine. Ich bin weder Frau, lesbisch noch feministisch. Verzeihung, wenn ich den Eindruck erweckt haben sollte.

        Ich kenne allerdings zumindest eine feministische Lesbe die — O-Ton — „Halblesben” nicht als Lesben sieht. Ich denke, dass ist auch irgendwo verständlich. Gerade im Feminsimus sind Identitäten und deren Positionen ja ziemlich wichtig.

        Ich stimme dir völlig zu, dass die Katogerien „Hetera” und „Lesbe” nicht so sinnvoll sind, wenn man es wirklich „exklusiv” ließt. Ich persönlich bin auch der Ansicht, dass du, wenn du primär auf Frauen stehst und eher untergeordner auf Männer, mit gewisser Berechtigung, dich als Lesbe bezeichnen kannst. Aber, das ist nur meine Meinung.

        Was ich wirklich bedenklich finde ist, dass du „Angst [hast], dass jemand entdeckt, dass [du] auch auf Männer*“ stehst. Und ich würde vermuten, dass diese Angst, daher kommt, dass du dir Sorgen machst, dass du von anderen Lesben ausgegrenzt wirst. Ich will und kann dir natürlich nichts vorschreiben, aber ich denke, das beste wäre, wenn du dich offen so zeigst und darstellst wie du bist und wenn andere dich deswegen ausgrenzen, ist das halt etwas, womit du umgehen musst.

        Ist nur meine Meinung. Wenn du denkst, es ist für dich das beste, dich nicht zu outen, aus Angst bisexuellen-feindlichen (oder welchen Begriff du für dich bevorzugst) Vorurteilen ausgesetzt zu sein (wie im Comic dargestellt) ist das natürlich etwas anderes.

        Viele Grüße und viel Glück.

        Was ich persönlich aber wirklich bedenklich finde ist, dass du „Angst hast

      1. Ich denke, Kinch bringt es ganz gut auf den Punkt – es geht v.a. um die Angst vor Ausgrenzung. Ob ich hingegen Privilegien habe oder nicht, kann ich nicht entscheiden. Ich kann nur, wie Li-Ming (s.u.) sagt, entscheiden, wie ich mit ihnen umgehe. Mein Wunsch, die Privilegien abzustreifen oder nicht haben zu wollen, damit ich zu dieser bestimmten Gruppe gehöre, war nicht zu ende gedacht. Eine Verbündete von Menschen ohne straight privilege und straight passing privilege möchte ich auf jeden Fall sein, auch in Situationen, in denen ich diese Privilegien besitze und unabhängig davon, wen ich gerade liebe und mit wem ich befreundet bin.

  2. ist die Angst, Privilegien zu haben, nicht genau das gleiche wie Privilegien nicht zu hinterfragen und zu leugnen?

    1. Nein, im Gegenteil. Sie ist ein -zugegeben mutiertes- Resultat davon, seine Privilegien zu hinterfragen. Und ein Weg, dagegen anzugehen ist, aus seinen Privilegien, also guten Startvoraussetzungen, auf rücksichtsvolle Art das Beste aus sich herauszuholen und sich ihrer bewusst zu sein, unter Umständen auch dankbar für sie. Vor allem sollte mensch nicht so tun, als wären seine Privilegien Nachteile und Gründe für Diskriminierung, wenn das in der eigenen Community nicht der Fall ist. Aber seine Community kann mensch sich schließlich glücklicherweise nach seinen eigenen Kriterien aussuchen.

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